Warum wir den Aufstieg Brasiliens zur Weltmacht nicht verpassen sollten

01/10/2010
Alexander Busch

Swisscam Magazine 62
http://www.swisscam.com.br/edition-62-focus-interculturality.html

Kaum ein Land unterschätzen wir heute so wie Brasilien. Doch das nach Bevölkerung und Staatsfläche fünfgrösste Land der Welt setzt gerade zum Sprung an zur Weltwirtschaftsmacht. Viele in Europa haben das noch nicht mitbekommen. China und Indien sind für uns Hauptakteure bei der globalen Umwälzung der Weltwirtschaft. Brasilien gestehen wir dabei nicht viel mehr als eine bessere Nebenrolle zu. Das ist ein Fehler. Gerade für uns Mitteleuropäer: Denn mit wenigen Staaten ausserhalb Europas haben wir so nicht nur enge wirtschaftliche und politische, aber auch historische und kulturelle Bindungen wie mit Brasilien.

Doch bleiben wir bei der Wirtschaft. Denn diese bildet die Basis für Brasiliens derzeitigen Aufstieg. Die achtgrösste Volkswirtschaft verfügt über Trümpfe, die in den nächsten Jahren für eine ganz eigene Dynamik sorgen werden: Brasilien ist einer der führenden Lieferanten von Rohstoffen aus Landwirtschaft und Bergbau. Das Land ist eine aufsteigende Energiegrossmacht mit Biotreibstoffen und bald auch bei Öl und Gas.

Brasiliens Wirtschaft ist breit aufgestellt: Es existiert ein gesunder Mix aus Rohstoffkonzernen, Dienstleistern, verarbeitender Industrie und Herstellern von Konsumgütern - von Kleinstbetrieben, Mittelstand bis zu zwei Dutzend Weltkonzernen. Auch die Besitzstruktur ist diversifiziert: Es gibt private und staatliche Kontrolleure, brasilianische neben ausländischen Eigentümern. Das gilt auch für das Banken- und Finanzsystem, das zu den am höchsten entwickelten der Emerging-Markets zählt.

Brasilien ist zur dynamischen Konsumnation geworden. Erstmals konnte das Land eine Weltwirtschaftskrise wegen der Dynamik seines Binnenmarktes überstehen: 32 Millionen Brasilianern gelang in den letzten acht Jahren der Aufstieg in die Mittelschicht. Die Armutsrate unter den 195 Millionen Brasilianern hat sich halbiert.

Das Land bietet damit für die Schweiz eine grosse Chance: Denn in wenigen Ländern auf der Welt besitzen Schweizer Unternehmen und Banken so starke Positionen wie in Brasilien.

Nicht zuletzt hat Brasiliens politischer Einfluss in der Welt zugenommen: Im Welthandel, bei der Klimadiskussion, als Sprecher des Südens bei der G20, zuletzt auch bei geopolitischen Konflikten wie im Fall von Iran - Brasilien bestimmt heute die internationale Agenda mit, ob wir das gut finden oder nicht.

Doch unser Interesse an Brasilien reicht weiter: Denn Brasilien wird zu einem weltweiten Testfall der Demokratie. Dort entscheidet sich, wie sonst nur in Indien, ob einer grossen, aufstrebenden Volkswirtschaft der Sprung zur Grossmacht auch demokratisch gelingen wird. Das ist wichtig für die Zukunft unseres westlichen Gesellschaftsmodells: Denn im globalen Wettbewerb unter den Wirtschaftssystemen kommt das demokratische Staats- und Wirtschaftsmodell zunehmend unter Beschuss. Beweist der wirtschaftliche Erfolg Chinas nicht gerade, dass autoritäre Wirtschaftsmodelle der westlichen Marktwirtschaft mitsamt ihrer schwerfälligen Demokratie überlegen sind? Brasilien tritt den Gegenbeweis an.

Denn trotz seiner offensichtlichen Mängel ist Brasiliens politisches System auch einer der Gründe für Brasiliens Aufstieg zur Weltwirtschaftsmacht. Brasiliens Demokratie erweist sich als überraschend flexibel, um auf neue Herausforderungen zu reagieren. Denn nur so ist zu erklären, dass Brasilien mit einer Verteilungspolitik („Bolsa-Familia") schon in Boomzeiten vorgesorgt und die sozialen Spannungen entschärft hat. Diese sozialen Investitionen zahlen sich langfristig aus: Sie stabilisieren die Gesellschaft. Das ist ein grosser Vorteil im Vergleich zu den anderen grossen Emerging-Markets, wie Russland, Indien oder China, in denen sich zunehmend sozialer Druck aufstaut.

Das politische System verschafft Brasilien etwas, was in Emerging-Markets ein höchst seltenes Gut ist: Kontinuität. Seit 16 Jahren hält sich das Land an seine eigenen Regeln. Das schafft Vertrauen. Was sich kaum hoch genug einschätzen lässt, in den unruhigen Gesellschaften der Emerging-Markets. Für Staaten wie Brasilien wirkt die Kontinuität volkswirtschaftlich wie ein Wohlstandsgewinn.

Deshalb wäre es gerade für uns Mitteleuropäer fatal, den Aufstieg Brasiliens zu ignorieren. Die enge Zusammenarbeit mit Brasilien bietet für unsere Wirtschaft und Gesellschaft grosse Chancen.


Alexander Busch berichtet seit 18 Jahren von Brasilien aus als Korrespondent über Südamerika. Er ist Korrespondent der "WirtschaftsWoche", des "Handelsblatt" und der Schweizer "Finanz und Wirtschaft". Jahrgang 1963. Wuchs in Venezuela auf. Machte in Frankenthal/Pfalz sein Abitur. Besuchte die Kölner Journalistenschule. Studierte in Köln und Buenos Aires Volkswirtschaft und Politik. Lebt und arbeitetet in São Paulo und Salvador/Bahia.

Date : 2010-11-19 14:40:37