Quo vadis internationale Wettbewerbsfähigkeit?

25/03/2014
Christian Opitz
schrieb seine Doktorarbeit am Centro Latinoamericano-Suíço der Universität St.Gallen (HSG). Er war Visiting Scholar an der Escola de Administração de Empresas de São Paulo der Fundação Getulio Vargas sowie am Institute of Latin American Studies der Columbia University.
Swisscam Magazine 75
http://www.swisscam.com.br/edition-75-focus-foreign-trade.html

 

Eine Doktorarbeit an der Universität St.Gallen zeigt Defizite in der Entwicklung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Fertigungsindustrie seit der Jahrtausendwende auf und diskutiert mögliche Auswege für wirtschaftspolitische Entscheidungsträger.

Berechnungen zeigen, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Fertigungsindustrie - approximiert durch deren Lohnstückkostenentwicklung -seit der Jahrtausendwende im Vergleich zu alternativen Produktionsstandorten abgenommen hat. Lohnstückkosten setzen jegliche direkt oder indirekt anfallenden Lohnkosten mit der jeweiligen Arbeitsproduktivität ins Verhältnis. Hauptursache des drastischen Anstiegs der relativen Lohnstückkosten der brasilianischen Fertigungsindustrie in den letzten Jahren ist eine durch eine Aufwertung der brasilianischen Währung verstärkte massive Lohnkostenerhöhung in Verbindung mit einer stagnierenden bzw. nur leicht zunehmenden Arbeitsproduktivität.

Gleichzeitig erweist sich derzeit das Wettbewerbspotenzial für eine Fertigung in Brasilien relativ gesehen als defizitär. In diesem Zusammenhang ist der sog. Custo Brasil von Bedeutung, der vor Ort tätige Firmen unabhängig von ihrer unternehmensspezifischen Ausrichtung belastet und damit eine lokale Fertigung gegenüber alternativen Produktionsstandorten verteuert. Ursache sind systemische Mängel im übergeordneten Bezugsrahmen, welche lediglich durch wirtschaftspolitische Eingriffe behoben werden können. Besonders gravierend sind dabei Ineffizienzen in den Bereichen Steuern, Bürokratie (vor allem in der Arbeits- und Steuergesetzgebung), Bildung, Infrastruktur sowie beim Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten.

Analysen der maßgeblichen Bestimmfaktoren für den Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit führten zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung der relativen Lohnstückkosten seit der Jahrtausendwende sowohl durch endogene, als auch durch exogene Faktoren beeinflusst wurde. Zu letzteren gehörten insbesondere der sich vollziehende demographische Wandel, die Verbesserung der brasilianischen Terms-of-Trade sowie die Niedrigzinspolitik von Europäischer Zentralbank und Federal Reserve. Endogene Faktoren waren und sind vor allem die vor Ort herrschenden unternehmerischen Rahmenbedingungen. So wird die Arbeitsproduktivität des verarbeitenden Gewerbes bspw. von der Intensität des Einsatzes von Sachkapital beeinflusst. Deren Verfügbarkeit ist wiederum eine direkte Folge des subsektoralen Investitionsniveaus, das unter anderem von den lokalen Finanzierungsmöglichkeiten sowie von dem von der Politik geschaffenen rechtlichen und regulatorischen Umfeld abhängt.

Zentrale Voraussetzung für eine Rückgewinnung von internationaler Wettbewerbsfähigkeit ist die Verbesserung des Wettbewerbspotenzials. Wirtschaftspolitische Eingriffe der Regierung in Brasília sollten demzufolge darauf abzielen, die Auswirkungen exogener Einflüsse abzumildern sowie jene systemischen Mängel im übergeordneten Bezugsrahmen zu beheben, welche brasilienspezifische Mehrkosten für eine Fertigung vor Ort verursachen. Protektionistische Maßnahmen zur Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Subsektors würden sich dagegen schnell als ungeeignet und nicht zielführend erweisen. Sie hätten eher eine Entkopplung der inländischen Lohnstückkostenentwicklung von derjenigen alternativer Fertigungsstandorte zur Folge. Eine weitere Öffnung der brasilianischen Volkswirtschaft könnte dagegen dazu beitragen, dem verarbeitenden Gewerbe zu mehr internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu verhelfen. Ursache dafür wären mitunter eine effizientere Ressourcenallokation durch den Markt, der Bezug kostengünstiger, auf die spezifischen Bedürfnisse der produzierenden Unternehmen angepasster Vorleistungsgüter sowie eine Diffusion von spezifischem Know-how.

Eine erhebliche Bedeutung zur Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit kommt ebenfalls systematischen (Arbeits-)Produktivitätszuwächsen zu. Voraussetzung hierfür ist ein deutlich höheres gesamtwirtschaftliches Investitionsniveau, was nur über eine höhere inländische Sparquote erreicht werden kann. Die Höhe unternehmerischer Investitionen hängt dabei mittelfristig weitestgehend davon ab, ob es der Regierung in Brasília gelingt, das Vertrauen privater Investoren in die staatlichen Institutionen zu stärken bzw. sich der Privatwirtschaft als verlässlicher Partner zu präsentieren. Staatliche Maßnahmen sollten zudem darauf abzielen, institutionelle Anreize für eine erhöhte inländische Ersparnis der privaten Haushalte zu schaffen. Ferner sollte durch eine grundlegende Konsolidierung des Staatshaushalts eine öffentliche inländische Ersparnis gewährleistet werden. Voraussetzung hierfür wären einschneidende politische Reformen - insbesondere im Sozialbereich -, die allerdings eine politisch sicherlich nur schwer durchsetzbare Verfassungsänderung erfordern würden.


Eine elektronische Version der gesamten Dissertation mit dem Titel „Brasiliens Wirtschaft in der Krise: Eine wirtschaftswissenschaftliche Analyse des Verlusts an internationaler Wettbewerbsfähigkeit der brasilianischen Fertigungsindustrie" ist beim Autor (christian.opitz@unisg.ch) oder unter www.brazilcompetitiveness.ch als Download erhältlich.

 

Date : 2014-03-26 11:42:13