Die Schweizer Wirtschaftsbeziehungen mit Brasilien – Potentiale und Herausforderungen

30/12/2009
Jean-Daniel Gerber
Staatssekretär und Direktor des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO
Swisscam Magazine 59
http://www.swisscam.com.br/edition-59-focus-government-brazil-and-switzerland.html

Die vergangenen Monate haben es gezeigt: Mit Brasilien ist in Zukunft zu rechnen. Brasilien ist im Begriff, das ihm lange attestierte wirtschaftliche Potential zu realisieren. Diese Entwicklung hat nicht erst mit der Entdeckung der spektakulären Tiefsee-Erdölvorkommen (pré-sal) vor Rios Küste eingesetzt. Seit Anfang des neuen Jahrtausends hat eine verantwortungsbewusste Wirtschaftspolitik dem Land makroökonomische Stabilität sowie verhältnismässig hohe BIP-Wachstumsraten beschert. Entsprechend war Brasilien auch in der Lage, die grösste internationale Finanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahrzehnte relativ unbeschadet zu überstehen, wobei weitere Faktoren wie zum Beispiel das beschränkte Auslandengagement der brasilianischen Banken oder der anhaltend hohe Inlandkonsum ebenfalls zu einem milderen Verlauf der Krise beigetragen haben. Diese Krisenresistenz dürfte vor kurzem auch die letze der drei grossen Rating-Agenturen dazu bewogen haben, Brasilien den begehrten „Investment Grade" zu verleihen.

Auch in multilateralen Gremien fällt Brasilien seit geraumer Zeit durch ein selbstbewussteres Auftreten auf. So kommt dem Land beispielsweise als Anführer der G20 in den Doha-Verhandlungen der WTO eine zentrale Rolle zu. Zur Krönung wird Brasilien als Austragungsort der Fussball-Weltmeisterschaft 2014 sowie der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro in den kommenden Jahren gleich zweimal hintereinander im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stehen. Die damit verbundenen Investitionen in die Infrastruktur werden die Wettbewerbsfähigkeit des Landes weiter erhöhen.

Die Schweizer Wirtschaft wusste vom Aufschwung ihres wichtigsten Partners in Lateinamerika zu profitieren. So hat unser bilateraler Handel mit Brasilien zwischen 2000 und 2008 um gut 60% zugenommen, die Schweizer Exporte nach Brasilien haben sich in diesem Zeitraum gar knapp verdoppelt. Noch dynamischer war die Entwicklung im Bereich der Schweizer Direktinvestitionen in Brasilien, welche mit einem Bestand von knapp CHF 35 Mrd. per Ende 2007 stattliche 4.7% aller Schweizer Direktinvestitionen im Ausland ausmachen. Schweizer Unternehmen beschäftigen in Brasilien 105‘655 Mitarbeitende. Viele unserer Firmen sind seit Jahrzehnten in Brasilien vertreten und werden von der Bevölkerung nicht mehr als ausländische, sondern vielmehr als lokale Unternehmen wahrgenommen. Obwohl sich die brasilianischen Direktinvestitionen in der Schweiz vorläufig noch auf tiefem Niveau bewegen, sind wir überzeugt, dass in Zukunft vermehrt auch brasilianische Unternehmen die Standortvorteile der Schweiz entdecken werden. So hat beispielsweise die brasilianische Bergbaugesellschaft Vale vergangenen Monat in St-Prex am Genfersee ein neues Geschäftszentrum mit über 80 Mitarbeitenden eröffnet.

Zur positiven Entwicklung unserer bilateralen Wirtschaftsbeziehungen in den vergangenen Jahren haben auch die Swisscam und ihre Mitgliedsfirmen einen wesentlichen Beitrag geleistet. Ihnen gebührt an dieser Stelle ein spezieller Dank. Ausserdem verfügt die Schweiz in São Paulo über einen Swiss Business Hub - neben Chicago der einzige auf dem amerikanischen Kontinent - welcher Schweizer KMU beim Eintritt in den brasilianischen Markt tatkräftig unterstützt.

Dennoch sind wir der Ansicht, dass die Möglichkeiten dieses zukunftsträchtigen Marktes mit seinen rund 190 Millionen Einwohnern und einer wachsenden Mittelschicht noch nicht ausgeschöpft sind. Aus diesem Grund hat der Bundesrat im Dezember 2006 eine Aussenwirtschaftsstrategie für Brasilien verabschiedet. Diese soll dazu dienen, den Marktzugang für Schweizer Produkte und Dienstleistungen zu verbessern und den Rechtsrahmen für die von Schweizer Unternehmen getätigten Investitionen in Brasilien auszubauen. Hauptanliegen von Schweizer Seite sind dabei sicherlich der Abschluss von bilateralen Abkommen in den Bereichen Investitionsschutz und Doppelbesteuerung und längerfristig die Aufnahme von Freihandelsverhandlungen zwischen der EFTA und dem Mercosur.

Nach nunmehr drei Jahren seit Verabschiedung der Brasilienstrategie konnten verschiedene Fortschritte erzielt werden. Einen Höhepunkt bildet die Schaffung einer Gemischten Wirtschaftskommission (GK), welche seit ihrer formellen Lancierung durch Bundesrätin Doris Leuthard und Aussenminister Celso Amorim im Oktober 2007 bereits zweimal getagt hat und in deren Rahmen auch Firmen- und Branchenvertreter die Möglichkeit hatten, konkrete Fragen mit den verantwortlichen Behörden aufzunehmen. So konnten beispielsweise Probleme im Bereich der geistigen Eigentumsrechte sowie technische Handelshemmnisse diskutiert werden. Ausserdem gelang es, im September dieses Jahres ein bilaterales Abkommen zur wissenschaftlichen und technologischen Zusammenarbeit abzuschliessen.

Wir sind uns bewusst, dass ein Schwellenmarkt wie Brasilien unsere Unternehmen auch weiterhin vor hohe Herausforderungen stellen wird. Für eine offene und exportorientierte Wirtschaft wie jene der Schweiz gilt es, sich diesen zu stellen und die sich in diesem Land bietenden Chancen zu nutzen. Die konsequente Umsetzung der Brasilienstrategie wird die Schweizer Wirtschaft bei diesem Vorhaben aktiv unterstützen.