Clariant schwenkt mit Süd-Chemie-Kauf auf Expansion um
Clariant
http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE71F09W20110216
Frankfurt (Reuters) - Der Schweizer Chemiekonzern Clariant übernimmt für zwei Milliarden Euro die Münchener Süd-Chemie. Nach einem harten Umbau und Sparkurs stellt Clariant-Chef Hariolf Kottmann damit die Weichen auf Expansion. "Wir sind davon überzeugt, dass Süd-Chemie die richtige strategische Ergänzung für Clariant ist", begründete Kottmann am Mittwoch die größte Übernahme seit zehn Jahren. Süd-Chemie verschafft Clariant beispielsweise Zugang zu renditeträchtigen Katalysatorengeschäften und zukunftsträchtiger Batterien-Technologie.
An der Börse kam der Zukauf zunächst nicht gut an. Die Clariant-Aktie brach zeitweise um zehn Prozent ein. "Die Übernahme der Süd-Chemie ermöglicht die Expansion in attraktive Geschäftsfelder aber zu einem Preis, der sich gewaschen hat", sagte Vontobel-Analyst Patrick Rafaisz. Der reine Firmenwert (Equity Value) der Transaktion liegt bei etwa 1,4 Milliarden Euro.
"Auf Wachstumskurs zu gehen heißt auch, dass wir eine substanzielle Summe an Geld in den nächsten Quartalen und Jahren investieren werden", sagte Kottmann. Süd-Chemie verhelfe Clariant zu weniger zyklischen Geschäften und öffne den Zugang zu neuen Märkten. Sowohl der Mehrheitsinvestor One Equity Partners (OEP) als auch die Familienaktionäre trennten sich von ihren Süd-Chemie-Aktien, wodurch Clariant rund 95 Prozent an dem Unternehmen erwerbe. Süd-Chemie soll dann vom Börsenzettel verschwinden.
Clariant geht davon aus, dass der Zukauf ab dem Jahr 2013 zum Gewinn beiträgt. Das Management rechnet mit Synergien von jährlich 25 Millionen Franken aus der Integration der Süd-Chemie-Verwaltung. Ob es Stellenabbau bei der Süd-Chemie gebe, werde geprüft, hieß es. Kenner der Süd-Chemie gehen davon aus, dass angesichts des hohen Kaufpreises Stellenstreichungen sehr wahrscheinlich sind.
Die Münchener Süd-Chemie, deren Geschichte bis ins Jahr 1857 zurückreicht, stellt unter anderem Gießereichemikalien, Spezialharze, Batteriekomponenten, chemische Reaktionen beschleunigende Katalysatoren und Schutzverpackungen her. Im vergangenen Jahr kam das Unternehmen bei einem Umsatz von 1,23 Milliarden Euro auf eine operative Rendite (Ebitda-Marge) von 15,6 Prozent. Die Nettofinanzschulden einschließlich Pensionsrückstellungen beliefen sich auf 462,4 Millionen Euro.
OEP ERHÄLT 121 EURO JE AKTIE
Clariant will die Aktien des Süd-Chemie-Mehrheitsaktionärs OEP für 121 Euro je Anteilsschein übernehmen. Die Beteiligungsfirma OEP war 2005 bei Süd-Chemie eingestiegen und hatte sich 2007 die Mehrheit gesichert. Für das erste Aktienpaket hatte OEP 35 Euro je Anteilsschein bezahlt, für das zweite nur etwas mehr. Die überwiegende Zahl der Traditions-Aktionäre soll im Gegenzug bei den Schweizern einsteigen. Sie tauschen ihre Aktien im Verhältnis 1 zu 8,84 in Clariant-Papiere. Die Transaktion hat einen Gesamtwert von zwei Milliarden Euro oder 2,5 Milliarden Franken. OEP hielt zuletzt 50,41 Prozent an Süd-Chemie, Taditions-Aktionäre besaßen insgesamt etwa 46 Prozent der Anteile. Für die restlichen Aktien im Streubesitz will Clariant ein öffentliches Übernahmeangebot vorlegen. Die Transaktion soll über Aktientausch, Schulden, den Kassenbestand sowie über eine Kapitalerhöhung von rund 400 Millionen Franken finanziert werden. Die Übernahme solle noch im ersten Halbjahr unter Dach und Fach gebracht werden.
CLARIANT SCHREIBT WIEDER SCHWARZE ZAHLEN
Konzernchef Kottmann, der als harter Sanierer gilt, legte am Mittwoch auch Geschäftszahlen vor. Der Reingewinn belief sich im vierten Quartal 2010 auf 47 Millionen Franken, nachdem im Vorjahreszeitraum noch ein Verlust von 67 Millionen Franken in den Büchern gestanden hatte. Für das laufende Jahr geht Kottmann von einem stabilen Geschäftsumfeld aus. Die Umsätze in Lokalwährungen sollen im tiefen einstelligen Prozentbereich wachsen. Außerdem soll die operative Marge (Ebitda-Marge) über derjenigen aus 2010 von rund zehn Prozent liegen.