Brasilien im «Circulus virtuosus»

15/09/2010


Neue Zürcher Zeitung
http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/brasilien_im_circulus_virtuosus_1.7560471.html

Notenbankpräsident Meirelles sieht sein Land auf dem richtigen Weg

An der Universität St. Gallen hat Henrique Meirelles, der Präsident der brasilianischen Zentralbank, Erklärungen dafür geliefert, wieso sein Land heute wirtschaftlich so gut dasteht. Man habe viele Lektionen aus früheren Fehlern gelernt.

wm. St. Gallen ⋅ Auf Einladung des Centro Latinoamericano-Suizo der Universität St. Gallen hat Brasiliens Notenbankpräsident, Henrique Meirelles, nach seinen Sitzungen in Basel den Weg in die Ostschweiz gefunden, um vor Studenten und anderen Interessierten die Erfolgsstory Brasiliens der letzten Jahre zu erläutern. Die Bankenkrise und «Basel III» berührte er dabei nur am Rande; von Ersterer seien die Banken seines Landes kaum betroffen gewesen, und die neuen Kapitalausstattungen würden kaum Handlungsbedarf auslösen. In Bezug auf Kapitalausstattung und Aufsicht der Banken habe man aus früheren Fehlern gelernt.

Meirelles, der dem Banco Central do Brasil seit Anfang 2003 vorsteht, beleuchtete vorab die Zeit seit damals. Er räumte ein, dass auch unter der Präsidentschaft von Fernando Henrique Cardoso bereits gewisse Weichen richtig gestellt worden seien. Gleichwohl sei die Lage 2002, bei der damaligen Schuldenkrise des Landes, nicht rosig gewesen: Brasilien stand unter Aufsicht des Internationalen Währungsfonds (IMF), die Staatsverschuldung betrug 60% des Bruttoinlandproduktes (BIP) - worüber heute einige Industriestaaten glücklich wären, wie Meirelles anfügte -, brasilianische Staatspapiere galten bei den Rating-Agenturen als spekulative Wertschriften, der Leitzins lag bei 25%, die Arbeitslosigkeit bei 14%, und die Inflation war im Steigen begriffen.

2003 habe man sich zu einem rigorosen Policy-Mix entschieden: einerseits eine straffe Geldpolitik, anderseits eine starke Fiskalkonsolidierung. Ein kurzer Schock sei besser gewesen als ein langer Anpassungsprozess; die Binnennachfrage sei damals um 6% eingebrochen, in der Ertragsbilanz sei innerhalb kurzer Zeit ein Defizit von 6% des BIP durch einen Überschuss von 2% abgelöst worden. Sehr bald habe man dann auch die Inflation eindämmen und den Staatshaushalt sanieren können. Die Schuldenquote fiel bis 2008 auf 42,7% des BIP und liegt heute nicht höher als vor der Krise. Die Kombination von Inflationsziel, flexiblen Wechselkursen und verantwortungsvollem finanzpolitischem Verhalten hat letztlich zu einem Circulus virtuosus geführt, wie es Meirelles formulierte.

Die Aufzählung des Notenbankpräsidenten über die Fortschritte in Brasilien tönte denn auch eindrücklich: stetig steigende Ausfuhren bei einer deutlichen Diversifikation der Exportdestinationen, verbesserte Planbarkeit für die Investitionen der Unternehmen und deren vermehrte Finanzierung durch Eigenkapital, steigende Realeinkommen für die Haushalte, 35 Mio. Brasilianer, die in die Mittelklasse aufgestiegen sind, und weitere 20 Mio., die die Armutsgrenze nach oben durchstossen haben. Das sind nur einige Beispiele.

Und gemäss Meirelles dürfte die neue Regierung - am 3. Oktober wird gewählt - den bisherigen Wirtschaftskurs weiterführen, womit eine gute Chance bestehe, dass die bisherigen günstigen Trends auch anhielten. Jedenfalls sehe er sich heute - wie auch in St. Gallen - ganz anderen Fragen ausländischer Zuhörer gegenüber als früher, als es stets um die Gründe der gerade letzten Krise gegangen sei oder darum, wie die nächste vermieden werden könne.

 

 

Date : 2010-09-23 15:09:23